Erinnerung in Stein gehauen

Gedenkstele für Gemeinschaftsgrabstätte entsteht

29. Juli 2013

Modell und Original: In seiner Hand hält Bildhauer Friedrich Pohl die kleine Darstellung der künftigen Gedenkstele für die Volksbund-Gemeinschaftsgrabstäte in Berlin. Rechts unten sieht man den zwei Tonnen schweren Wesersandstein. (Fotos: Maurice Bonkat)

Für diese Geschichte müssen wir weit zurückgehen – mindestens 245 Millionen Jahre. Denn in der frühen Trias entstand der Wesersandstein, der einmal, hoch aufragend, die zentrale Stele auf der Gemeinschaftsgrabstätte des Volksbundes in Berlin bilden wird. Heute liegt der knapp zwei Tonnen schwere und knapp drei Meter hohe Steinblock noch in der Horizontale. Zwischen dem südlichen Niedersachsen und Nordhessen, dort wo der Stein seine Heimat hat, bekommt er auch den letzten Schliff. Genauer gesagt fehlen ihm noch einige Ecken und Kanten. Die verpasst ihm der gelernte Steinmetz und Bildhauer Friedrich Pohl. Er ist seit Jahren bekannter Spezialist für große Steinskulpturen- und Stelen. Diese hier soll etwas Besonderes werden. Etwas, das beleibt.

Ein Symbol für diese Beständigkeit sind auch die Ginkgoblätter. Die finden sich auf der künftigen Stele und auch auf den bereits vorhandenen Gräbern der Gemeinschaftsgrabstätte. Auf dem eher ins Rötliche gehenden Hartsteinblock in der Steinmetz-Werkstatt sind die Blätter und Ornamente, die später auf der Rückseite der großen Stele erscheinen, allerdings noch nicht erkennbar. Sie müssen später – genauso wie stilisierte Treppe samt Tür auf der Vorderseite – noch sorgfältig aus dem Material herausgeschlagen werden. Abschließend werden dann etwa auf halber Höhe der Stele die Schriftzüge sowie Logos des Volksbundes und der Stiftung Gedenken und Frieden eingeprägt.

Hoffnung auf Transzendenz

Dies alles geschieht in Handarbeit. Zunächst geht Bildhauer Pohl noch mit dem kleinen Presslufthammer, später dann mit Hammer und Meißel ans Werk. Die hält der 55-Jährige nun in der Hand, während er kurz inne hält und erklärt, was Treppe, Tür sowie Pflanzenornamente zu bedeuten haben: „Diese ornamentale Bildsprache symbolisiert in ihrer Verschlungenheit die Erinnerung an das individuelle Leben selbst. Und die Treppe samt Tür ist ein Symbol der Hoffnung auf Transzendenz.“

Die Stele ist also zugleich ein Zeichen der Hoffnung und der Erinnerung. Daneben markiert sie auf dem weitläufigen Berliner Friedhof Heerstraße auch weithin sichtbar das Areal der seit 2010 bestehenden Gemeinschaftsgrabstätte. „Sie ist Wegmarke sowie optischer Ankerpunkt dieser besonderen Ruhestätte. Zugleich ist die Stele ein Bedeutungsträger, der den übergeordneten Gemeinschaftscharakter dieser Anlage für jeden Besucher deutlich macht“, bringt der Leiter der Stiftung, Andree M. R. Schulz, das Konzept der Stele auf den Punkt.

Ein besonderer Stein

Doch zuvor geht es noch einmal in die Fläche. Denn die Oberfläche eines solch großen Wesersandsteinquaders erfordert viel Feingefühl, Geschick und auch Gespür für das Material selbst. Dies beginnt schon bei der Auswahl des Werkstücks. Im Bad Karlshafener Steinbruch wurde Pohl schließlich fündig. Nachdem er den Mitarbeitern dort erklärt hatte, worum es geht, meinten diese viel sagend: „Oh, da müssen wir aber einen unserer besonderen Steine nehmen.“ Und tatsächlich ist es nicht immer einfach einen Block zu finden und sauber aus der Formation zu sprengen, dessen Schichtung und Substanz eine großflächige und intensive Bearbeitung sowie die lange Haltbarkeit der Stele überhaupt erst ermöglicht. Doch der besagte Quader aus dem Weserbergland wird schließlich gefunden und ausgewählt. Nun ist auch sein Weg vorgezeichnet: Von hier aus geht es zunächst in eine nahe gelegene Werkstatt zur handwerklich-künstlerischen Bearbeitung – und dann weiter nach Berlin zur Gemeinschaftsgrabstätte.

Dort wird die Gedenkstele dann mit besonders zugfesten Edelstahlgewindestangen auf einen Betonsockel montiert, der zugleich verhindert, dass das Gestein große Wassermengen aufnimmt. Dies ist wichtig, um das dann fertige Kunstwerk der Erinnerung und der Hoffnung dauerhaft erhalten bleibt. Wie lange genau, lässt sich schwer sagen und in Menschenaltern kaum beziffern - nur weitere 245 Millionen Jahre werden es wohl nicht mehr werden.

Maurice Bonkat